Geschichte der Universitätskirche St. Pauli

Geschichte der Universitätskirche St. Pauli

1240

 

Weihe der Klosterkirche des 1229 gegründeten Leipziger Dominikanerkonventes durch Erzbischof Wilbrand aus Magdeburg

1419

An der 1409 gegründeten Universität Leipzig werden spätestens seit diesem Zeitpunkt Universitätsprediger berufen

10.10.1543

Ingebrauchnahme der Paulinerkirche als Aula der Universität

12.08.1545

Mittwoch nach dem 10. Sonntag nach Trinitatis: Martin Luther (1483-1546) predigt ein halbes Jahr vor seinem Tode anlässlich der Umwidmung der Kirche zur evangelischen Universitätskirche über Lk 19, 41-48; Nutzung der Kirche an hohen Festen des Kirchenjahres, zu Quartalsorationen, für Promotionen und als Aula der Universität, z. B. zum Rektoratswechsel, der am 31. Oktober, dem Reformationsfest jeden Jahres durchgeführt wurde

1624

Beginn der Tätigkeit des Montägigen Predigerkollegiums, das bis 1870 bestand; hier bildeten sich Studenten aller Fakultäten in der Kunst der freien Rede

1640

Beginn der Tätigkeit des Donnerstägigen Predigerkollegiums, bis um 1820

1643

Hebung des Grundsteines der Paulinerkirche aufgrund der durch Sicherungsarbeiten an der Stadtmauer notwendig gewordenen Verkürzung des Chorraums

1671

Versuch der Theologischen Fakultät, an Sonn- und Feiertagen regelmäßig Gottesdienst für die »Universitätsverwandten« in der Universitätskirche einzuführen

1709-1712

Sanierung der Kirche und Errichtung des barocken Westportals

31.08.1710

11. Sonntag nach Trinitatis: Beginn regelmäßiger Gottesdienste an Sonn- und Festtagen des Kirchenjahres; Predigt des Theologieprofessors D. Gottfried Olearius (1672-1715) zu Lukas 18, 9-14; der Thomaskantor, später auch Bach, ist weiter für den sogenannten »alten Gottesdienst«, die bereits zuvor begangenen Termine des Jahres, zuständig

1712

Errichtung eines neuen Doktoratskatheders

1716

Beginn der Tätigkeit des Sorben-Wendischen Predigerkollegiums

16.-17.12.1717

Johann Sebastian Bach (1685-1750) prüft in der Universitätskirche die neu erbaute Scheibe-Orgel; er habe sie »nicht gnugsam rühmen und loben können, sonderlich deren Raren Register«

11.06.1719

1. Sonntag n. Trinitatis, August Hermann Francke aus Halle predigte über die Sonntagsepistel 1 Joh 4,16-21, anwesend sei eine unsägliche Menge Volks gewesen und Francke habe sieben Viertelstunden gepredigt

26.03.1728

Karfreitag, erste Vesperpredigt in der Universitätskirche zum Karfreitag, gestiftet von Johann Florens Rivinus, gehalten von Prof. Dr. Johann Gottlob Pfeiffer

18.10.1727

Bach bringt anlässlich des Gedenkaktes für die verstorbene sächsische Kurfürstin Christiane Eberhardine (1671-1727) seine Trauerode (BWV 198) zur Aufführung

21.10.1729

Bach führt anlässlich des Gedächtnisgottesdienstes für den verstorbenen Thomasschulrektor und Professor poeseos der Universität, Johann Heinrich Ernesti (1652-1729) seine Motette Der Geist hilft unser Schwachheit auf (BWV 226) auf

1738

Errichtung der barocken Kanzel am dritten Pfeiler von Osten durch Valentin Schwarzenberger (1693-1754)

25.08.1739

Feier des Reformationsjubiläums in der Universitätskirche mit einer Rede von Prof. Christian Friedrich Börner und einer lateinischen Ode von Johann Gottlieb Görner

1768

Beendigung der außergottesdienstlichen Nutzung der Kirche durch die Universität; es bleiben die Nutzung für die sonn- und festtäglichen Gottesdienste und als Übungsraum für Predigergesellschaften der Universität, später für das homiletisch-liturgische Seminar der Theologischen Fakultät

07.11.1847

Aufbahrung Felix Mendelssohn Bartholdys (1809-1847) mit Trauerfeier

10.11.1862

Eröffnung des bis 2007 bestehenden Prediger-Collegiums zu St. Pauli in Leipzig

1891-1897

Umbau des Universitätskomplexes im Neorenaissance-Stil, der Universitätskirche im Stil der Neugotik, nach Plänen des Stadtbaudirektors Arwed Rossbach (1844-1902)

11.06.1899

2. Sonntag nach Trinitatis: Wiedereinweihung der Universitätskirche mit einer Predigt des Ersten Universitätspredigers D. Georg Rietschel (1842-1914) zu 2 Kor 13,8

1907

Max Reger (1873-1916), Universitätsmusikdirektor

1933/1939

Friedrich Rabenschlag (1902-1973) wird Universitätskantor, später Universitätsmusikdirektor

04.-05.12.
1943

Entfernung von Brandbomben vom Dachboden der Universitätskirche durch den Ersten Universitätsprediger Prof. D. Alfred Dedo Müller (1890-1972) zusammen mit einigen Theologiestudenten und Zwangsarbeitern unter Einsatz ihres Lebens; dadurch wird die Universitätskirche vor der Zerstörung bewahrt

31.10.1945

Geplante aber nicht zustande gekommene Wiedereröffnung der Universität nach dem Zweiten Weltkrieg in der Universitätskirche

1946

Vertragliche Regelung der Mitnutzung der Universitätskirche durch die römisch-katholische Propsteigemeinde St. Trinitatis; sie verlor beim Dezemberbombardement 1943 auf Leipzig ihre Kirche in der Nähe des Neuen Rathauses und hielt seitdem bereits aufgrund der Bereitschaft der beiden evangelischen Universitätsprediger hier Messe

20.02.1949

Im Universitätsgottesdienst des Sonntags Sexagesimae wird Prof. Robert Köbler (1912-1970) durch den Ersten Universitätsprediger Prof. D. Alfred Dedo Müller in das Amt des Universitätsorganisten eingeführt

04.04.1968

Universitätschor: Aufführung der Matthäus-Passion von Johann Sebastian Bach unter Universitätsmusikdirektor Hans-Joachim Rotzsch

07.04.1968

Sonntag Palmarum: Universitätsgottesdienst, Predigt Wiss. Ass. Dr. Helmar Junghans

11.04.1968

Gründonnerstag: Universitätsgottesdienst, Predigt Wiss. Ass. Dr. Hartmut Mai

12.04.1968

Karfreitag: Universitätsgottesdienst, Predigt Dekan Prof. Dr. Ernst-Heinz Amberg

14.04.1968

1. Ostertag: Universitätsgottesdienst, Predigt Zweiter Universitätsprediger Prof. Dr. Ernst Sommerlath (1889-1983)

21.04.1968

Quasimodogeniti: Universitätsgottesdienst, Predigt Erster Universitätsprediger Prof. Dr. Heinz Wagner

28.04.1968

Misericordias Domini: Universitätsgottesdienst, Predigt Wiss. Ass. Dr. Wolfram Böhme

03.05.1968

Gottesdienst zum Dies der Universität

05.05.1968

Jubilate: Universitätsgottesdienst, Predigt Dekan Prof. Dr. Ernst-Heinz Amberg

07.05.1968

Beschluss des Politbüros der SED, Berlin: Abriss der Universitätskirche zu Leipzig

12.05.1968

Kantate: Universitätsgottesdienst

16.05.1968

Sitzung sämtlicher politischen Kräfte, zu der der Rektor der Universität, Prof. Dr. Werner, auch den Dekan der Theologischen Fakultät eingeladen hatte; es kommt zu einer Auseinandersetzung zwischen dem Ersten Sekretär der Bezirksleitung der SED, Paul Fröhlich, und dem Dekan der Theologischen Fakultät, Prof. Dr. Amberg

17.05.1968

Sitzung des Senates der Karl-Marx-Universität, Verabschiedung einer Dankadresse an Walter Ulbricht; Pro-test der Theologischen Fakultät durch den Dekan, Prof. Dr. Amberg, gegen den Abriss der Universitätskirche. Dieser hat folgenden Wortlaut:

»Als Dekan der Theologischen Fakultät bringe ich die unveränderte Einstellung aller theologischen Mitglieder des Rates der Fakultät zum Ausdruck, wenn ich noch einmal auf unsere Auffassung zum Problem Universitätskirchehinweise, wie wir sie mehrfach geäußert haben: Wir können zum geplanten Abbruch der Uni-Kirche nur unmißverständlich Nein sagen. Aus diesem Grund kann ich hier im Senat auch nicht einer Willenserklärung zustimmen, in der der Neubau akzeptiert und begrüßt wird, der den Abbruch der Universitätskirche zur Voraussetzung hat.«

19.05.1968

Rogate: Universitätsgottesdienst, Predigt Wiss. Ass. Dr. Helmar Junghans

21.05.1968

Letzte Sitzung des homiletisch-liturgischen Seminars in der Universitätskirche mit Seminargottesdienst, Predigt stud. theol. Martin Petzoldt über Kol 4, 2-6

22.05.1968

Stud. theol. Johannes Hassenrück und die Schülerin Helga Salomon werden verhaftet wegen einer Flugblattaktion gegen die neue Verfassung der DDR

23.05.1968

Himmelfahrtstag: 9.30 Uhr letzter Gottesdienst der Universitätsgemeinde, Predigt durch den Ersten Universitätsprediger, Prof. Dr. Heinz Wagner, zu Apg 1, 1-11; um 10 Uhr wird in der 15. Tagung der Stadtverordnetenversammlung Leipzig im Neuen Rathaus die Drucksache Nr. 64 »Perspektivkonzeption der Stadt Leipzig bis 1970«, die die Sprengung der Universitätskirche einschloss, mit einer Gegenstimme angenommen (Beschluss Nr. 120); 17 Uhr Messe der römisch-katholischen Propsteigemeinde; danach hermetische Abriegelung der Kirche und des Kirche und Augusteum umgebenden Geländes

24.05.1968

Prof. Amberg, Dekan der Theologischen Fakultät, der Erste Universitätsprediger, Prof. Wagner, und wenige Mitarbeiter, ebenso wenige Persönlichkeiten der Propsteigemeinde sowie die Ehefrau des Universitätsorganisten, der kurzfristig zu Funkaufnahmen nach Berlin bestellt wurde, dürfen die Kirche nochmals betreten, um sakrales und persönliches Eigentum zu bergen

24.-28.05.
1968

Übereilte unsachgemäße Arbeiten zur Bergung von etwa 100 kostbaren Bildwerken, Epitaphien und des spät-gotischen Altars unter Ausschluss von Fachleuten; 10 Kunstwerke werden aus Augusteum und Albertinum geborgen; Verbringung des Leibniz-Denkmals auf einen Lagerhof an der Stötteritzer Straße; später Wiederaufstellung an der Südseite des neuen Hörsaalgebäudes

29.05.1968

Blitztelegramm des römisch-katholischen Bischofs von Meißen, Dr. Otto Spülbeck, der früher Leipziger Propst gewesen war, an Walter Ulbricht

30.05.1968

10.00 Uhr Sprengung der Kirche

18.06.1968

Fortsetzung des homiletisch-liturgischen Seminars in einem Seminarraum des Institutes für Praktische Theologie im Peterssteinweg; Predigt stud. theol. Kurt Nowak über Gen 11, 1-9, dem Abschnitt über den Turmbau zu Babel

20.06.1968

Letzte Sprengungen am westlichen Teil des Albertinums; 19.30 Uhr fand das Abschlusskonzert des Internationalen Bachwettbewerbs in der Kongresshalle am Zoo statt. Während der Laudatio des Präsidenten des Wettbewerbs entrollte sich um 20.08 Uhr ein Plakat vom Schnürboden der Bühne, auf dem die Universitätskirche, deren »Lebensdaten« 1240 und 1968, sowie der Satz »Wir fordern Wiederaufbau!« zu sehen waren. Es handelte sich bei dem Plakat um die Idee des Physikstudenten Harald Fritzsch und die Ausführung von Stefan Welzk, Rudolf Treumann und Dietrich Koch

Juni 1968

Aufnahme der Arbeit einer politischen Untersuchungskommission, die während der Tagung der Stadtverordnetenversammlung am 23.5.1968 gebildet worden war: »Die Stadtverordnetenversammlung beschließt einstimmig die Bildung einer Kommission, bestehend aus Abgeordneten der Stadtverordnetenversammlung und Mitgliedern des Akademischen Senats der Karl-Marx-Universität, die die Bildungs- und Erziehungsarbeit an der Theologischen Fakultät der Karl-Marx-Universität und dem Theologen-Seminar auf der Grundlage unserer sozialistischen Verfassung untersucht.«

31.07.1968

Endgültiger Abschluss der Trümmerberäumung

13.10.1968

18. Sonntag nach Trinitatis, 11.00 Uhr Beginn »Akademischer Gottesdienste« an allen Sonn- und Feiertagen des Kirchenjahres in der Nikolaikirche zu Leipzig anstelle der früheren Universitätsgottesdienste, Predigt durch den Dekan der Theologischen Fakultät, Prof. Dr. Amberg

Frühherbst
1968

Verhaftung von stud. theol. Nikolaus Krause wegen angeblicher Staatsverleumdung

30.05.1993

25 Jahre danach: Enthüllung einer Platte zum Gedenken an die Zerstörung der Universitätskirche an der Gebäudeecke der Universität zur Grimmaischen Straße

Frühjahr 2004

Beschluss zum Neubau, der die gleichberechtigte Nutzung als Aula und Kirche vorsieht, aufgrund des Qualifizierungsverfahrens von 2003
06.12.20091. Baustellengottesdienst
30.05.2015Aufstellung des Bronzemodells der alten Kirche auf dem Augustusplatz
letzte Änderung: 24.02.2016